Eine unvollständige Blasenentleerung kann behandelbar sein. Die intravesikale Elektrostimulation (IVES) ist eine etablierte konservative Therapie für ausgewählte Patientinnen und Patienten mit Restharn, Detrusorunteraktivität oder neurogener Blasenentleerungsstörung – und ein fester Bestandteil der spezialisierten Neuro-Urologie im KontinenzZentrum Hirslanden¹.

Restharn: Mehr als ein unangenehmes Gefühl

Wer nach dem Wasserlassen weiterhin Druck verspürt, kurze Zeit später erneut zur Toilette muss oder wiederkehrende Harnwegsinfekte hat, sollte eine unvollständige Blasenentleerung abklären lassen. Restharn kann auch bestehen, ohne dass er sofort deutlich spürbar ist.

Mögliche Hinweise und Symptome für Restharn sind:

Restharn, Unvollständige Blasenentleerung

  • Schwacher oder unterbrochener Harnstrahl

  • Langes Wasserlassen oder Pressen beim Entleeren

  • Gefühl, dass die Blase nicht leer ist

  • Häufige Harnwegsinfekte

  • Zunehmende Restharnmengen in der Ultraschallkontrolle

  • Notwendigkeit einer intermittierenden Selbstkatheterisierung

Ursachen können eine ausgeprägte Schwäche des Blasenmuskels, eine neurogene Blasenfunktionsstörung oder eine Störung der Zusammenarbeit zwischen Blase und Beckenboden sein. Ebenso müssen eine Prostatavergrösserung, eine Harnröhrenverengung und andere Abflussbehinderungen ausgeschlossen werden, denn sie werden anders behandelt.

Was die intravesikale Elektrostimulation (IVES) leistet

Die intravesikale Elektrostimulation trainiert den Blasenmuskel direkt im Inneren der Harnblase. Über einen dünnen Spezialkatheter wird eine Elektrode in die Blase eingelegt, während eine Gegenelektrode auf der Bauchdecke platziert wird. Die mit Kochsalzlösung gefüllte Blase befindet sich dadurch in einem kontrollierten elektrischen Feld¹.

Die Stromimpulse sollen die Wahrnehmung der Blasenfüllung fördern und den Detrusor dabei unterstützen, beim Wasserlassen wieder ausreichend Kraft aufzubauen. Die Behandlung wird meist als leichtes Kribbeln wahrgenommen und ist üblicherweise nicht schmerzhaft. Eine Sitzung dauert rund 30 Minuten; meist planen wir 12 bis 15 Behandlungen über sechs bis acht Wochen.

Für wen eignet sich IVES?

Die elektrische Blasenstimulation eignet sich in erster Linie für Menschen, deren Harnblase sich nicht vollständig entleert. Besonders infrage kommt sie bei Restharn infolge einer neurogenen Erkrankung oder einer ausgeprägten Schwäche des Blasenmuskels.

Typische Anwendungsbereiche sind:

  • Neurogene Blasenfunktionsstörung, beispielsweise bei Rückenmarkserkrankungen oder nach neurologischen Schädigungen

  • Detrusorunteraktivität mit erschwerter oder unvollständiger Blasenentleerung

  • Chronischer Restharn ohne relevante mechanische Abflussbehinderung

  • Verminderte Wahrnehmung der Blasenfüllung oder des Harndrangs

  • Blasenentleerungsstörung nach Eingriffen oder Verletzungen im Bereich von Wirbelsäule, Becken oder Nervenbahnen

  • Unzureichende Besserung der Entleerung unter medikamentösen oder anderen konservativen Therapien

Ob IVES tatsächlich geeignet ist, beurteilen die Fachärztinnen und Fachärzte des KontinenzZentrums Hirslanden nach einer sorgfältigen urologischen und gegebenenfalls neurourologischen Diagnostik. Entscheidend ist, dass der Blasenmuskel noch eine funktionelle Reserve besitzt und durch die elektrische Stimulation angesprochen werden kann².

Was sagen klinische Studien?

IVES ist keine experimentelle Behandlung, sondern ein seit Jahrzehnten genutztes Verfahren der Neuro-Urologie. Die Studienlage zeigt relevante Verbesserungen bei sorgfältig ausgewählten Patientengruppen, zugleich aber auch: Der Nutzen hängt stark von Ursache, Dauer und Schwere der Blasenfunktionsstörung ab¹.

Eine retrospektive Studie mit 105 Patientinnen und Patienten mit Detrusorunteraktivität zeigte:

  • Bei 47,2 Prozent sank der Restharn um mindestens 50 Prozent¹

  • Bei 27 Prozent verringerte sich der Restharn sogar um mehr als 80 Prozent¹

  • Bei 76,4 Prozent verbesserte sich die Entleerungseffizienz¹

  • Bei 44,8 Prozent entwickelten oder verbesserten sich Wahrnehmung und Empfindung der Blasenfüllung nachhaltig¹

In einer weiteren Studie mit 102 Menschen nach inkompletter Rückenmarksverletzung und chronischer neurogener, nicht-obstruktiver Harnverhaltung sprachen 37,2 Prozent auf IVES an. Das Ansprechen war definiert als mindestens 50 Prozent weniger Restharn und mindestens 50 Prozent weniger tägliche Katheterisierungen; 83,3 Prozent dieser Responder erlangten die erste Wahrnehmung der Blasenfüllung wieder².

Eine randomisierte, kontrollierte Multizenterstudie bei unteraktiver Blase zeigte nach vier Wochen unter IVES eine durchschnittliche Restharnreduktion von 97,1 ml. In der Kontrollgruppe betrug die mittlere Veränderung lediglich 10,5 ml; auch Harnfluss und Entleerungseffizienz verbesserten sich unter der aktiven Behandlung signifikant³.

Diese Zahlen sind ermutigend, jedoch keine Erfolgsgarantie. Sie zeigen, weshalb die exakte Diagnose und die Wahl der richtigen Patientinnen und Patienten für den Behandlungserfolg entscheidend sind.

Präzise Diagnose, gezielte Therapie

Die intravesikale Elektrostimulation ist nicht die richtige Behandlung für jede Form von Inkontinenz oder jede Blasenbeschwerde. Bei einer überaktiven Blase mit Dranginkontinenz stehen häufig Verfahren im Vordergrund, welche die Nervensteuerung beeinflussen und unwillkürliche Blasenkontraktionen hemmen.

Im KontinenzZentrum Hirslanden klären wir zuerst, warum die Entleerung nicht funktioniert. Je nach Situation umfasst die Abklärung:

  • Gespräch über Beschwerden, Vorerkrankungen, Medikamente und bisherige Therapien

  • Restharnmessung und Ultraschall der Harnblase

  • Urinuntersuchung, insbesondere zum Ausschluss eines Infekts

  • Blasentagebuch mit Trinkmenge, Toilettengängen und Beschwerden

  • Urodynamik zur Beurteilung von Speicherfunktion, Blasendruck, Detrusorkraft und Harnabfluss

  • Einbezug neurologischer, urologischer und operativer Vorbefunde

Diese differenzierte Diagnostik ermöglicht eine klare Entscheidung: Ist der Blasenmuskel zu schwach? Besteht eine Abflussbehinderung? Oder liegt eine kombinierte Störung vor? Erst danach wird entschieden, ob IVES die passende Behandlung ist.

Kombiniert für Sicherheit und Erfolg

Je nach Befund kann die intravesikale Elektrostimulation mit weiteren konservativen Verfahren kombiniert werden. Unser Ziel ist immer eine sichere Blasenentleerung, der Schutz der Nieren und möglichst viel Selbständigkeit im Alltag.

Mögliche ergänzende Massnahmen sind:

  • Biofeedback für den Beckenboden: Sie lernen, die beteiligte Muskulatur bewusster wahrzunehmen und die Entleerung gezielter zu unterstützen.

  • Beckenbodenphysiotherapie: Sie kann helfen, eine ungünstige Anspannung während des Wasserlassens zu erkennen und zu lösen.

  • Intermittierende Selbstkatheterisierung: Bleibt eine grössere Restharnmenge bestehen, ermöglicht sie eine vollständige Entleerung und schützt vor Komplikationen durch chronischen Harnverhalt.

  • Weitere abgestufte Therapien bei Inkontinenz: Wenn zusätzlich eine Belastungs- oder Dranginkontinenz besteht, beraten wir zu den geeigneten konservativen, medikamentösen und interventionellen Optionen.

Selbstkatheterisierung und IVES schliessen sich nicht aus. Bei geeigneter Situation kann die Elektrostimulation die Eigenentleerung verbessern, während die Katheterisierung weiterhin zuverlässig verhindert, dass zu viel Urin in der Blase verbleibt.

Erfahrung bei komplexen Blasenfunktionsstörungen

Patientinnen und Patienten aus der gesamten Schweiz sowie aus dem Ausland wenden sich an das KontinenzZentrum Hirslanden für die Abklärung und Behandlung komplexer Blasenfunktionsstörungen. Die enge Zusammenarbeit von Urologie, Neurourologie und Urogynäkologie ermöglicht eine Beurteilung, die sich nicht auf eine einzelne Diagnose oder Therapie beschränkt.

Unsere Spezialistinnen und Spezialisten setzen die intravesikale Elektrostimulation gezielt ein: bei klarer Indikation, nach fundierter Diagnostik und eingebettet in ein persönliches Blasenmanagement. Dabei überprüfen wir anhand Ihrer Beschwerden, der Restharnwerte und – wenn erforderlich – weiterer Funktionsmessungen, ob die Therapie den gewünschten Nutzen bringt.

Bei Restharn, erschwerter Blasenentleerung, wiederkehrenden Infekten oder einer bekannten neurogenen Blasenfunktionsstörung lohnt sich eine spezialisierte Abklärung. Das KontinenzZentrum Hirslanden berät Sie zu den Möglichkeiten der intravesikalen Elektrostimulation und entwickelt mit Ihnen ein sicheres, individuelles Behandlungskonzept.

Sie erreichen unser Zentrum (KontinenzZentrum Hirslanden) in Zürich telefonisch von Montag bis Freitag zwischen 8 und 17 Uhr. Nutzen Sie auch unsere Online-Terminvereinbarung!

 

 

Literatur

  1. Medicine (Baltimore). Deng H, Liao L, Wu J, Chen G, Li X, Wang Z, et al. Clinical efficacy of intravesical electrical stimulation on detrusor underactivity: 8 years of experience from a single center. Verfügbar unter: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5617705/pmc.ncbi.nlm.nih

  2. Spinal Cord. Lombardi G, Musco S, Celso M, Del Corso F, Del Popolo G. Clinical efficacy of intravesical electrostimulation on incomplete spinal cord patients suffering from chronic neurogenic non-obstructive retention: a 15-year single centre retrospective study. Verfügbar unter: https://www.nature.com/articles/sc2012120nature

  3. BJU International. Zhu L, Wang X, Zhang L, Li X, Liao L. Randomized controlled trial of intravesical electrical stimulation for underactive bladder. Verfügbar unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36084065/