Restharn: was tun?

Restharn: wann ist Toleranz und wann eine Therapie angezeigt?

 

Eine starre Restharnmenge als alleinige Indikation für eine Katheterisierung ist nach den neuesten medizinischen Erkenntnissen nicht angemessen.

Viele Studien belegen klar, dass vermehrter Restharn zu einem erhöhten Risiko für Blasenentzündungen führen kann. Umso erstaunlicher ist es, dass eine ausführliche Pubmed Recherche als auch die Konsultation aller relevanten Leitlinien zeigt, dass es für Mediziner keine klaren Richtlinien gibt, welches Vorgehen bei welcher Restharnmenge am besten ist.

Dazu kommt, dass es bis auf bei Harnröhrenverengungen keine erfolgsversprechende medikamentöse Therapie für Blasenentleerungsstörungen gibt.

Risikominimierung für Restharn wichtig

Da es keine effektiven Medikamente gibt, ist es umso wichtiger präventiv vorzugehen und alle relevanten Risikofaktoren zu gering wie möglich zu halten:

  • Reduktion von Medikamenten, die die Detrusorkontraktilität reduzieren und Restharn begünstigen:
  • Anticholinergika
  • Antidepressiva
  • Opioide
  • Neuroleptika
  • Muskelrelaxantien
  • Calciumantagonisten
  • Parkinsonmedikamente
  • Adrenergika

 

Toleranz bei geriatrischen Patienten:

Bei geriatrischen, nichtneurogenen Patienten sind Restharnmengen bis zu 300ml im Toleranzbereich. Dies unter der Voraussetzung, dass die Patienten eine subjektiv akzeptable funktionelle Blasenkapazität haben. Es darf kein Risiko einer weiteren Schädigung des Harntraktes bestehen.

Keine Flexibilität bei Patienten mit neurogener Dysfunktion (NLUTD):

Bei Patienten mit einer NLUTD wie z.B. einer MS oder anderen neurogenen Schädigung besteht ein erhöhtes Risiko von rezidivierenden Harnwegsinfekten.  Bei diesen ist ein gutes Restharnmanagement sehr wichtig! Wenn noch eine Drangsymptomatik oder Draninkontinenz dazu kommt, kann die Kombination aus antimuskarinerger Therapie und intermittierendem Katheterismus helfen Blasenentzündungen zu verhindern und das Wohlbefinden zu steigern.

Entscheidungsfaktoren für konservative oder operative Therapieansätze:

Die Entscheidung für einen Therapieansatz, ob er konservativ erfolgen oder eine Operation notwendig wird, muss ganz individuell nach den persönlichen Faktoren und Besonderheiten eines jeden Patienten definiert werden. Medizinisch relevante Parameter hierfür sind:

  • Ätiologie der Restharn Bildung
  • Ausmass der klinischen Symptomatik
  • Absoluter Restharnwert mit seiner Relation zu gesamten Blasenkapazität
  • Das Vorliegen von Harnwegsinfekten
  • Stauung der oberen Harnwege
  • Patientenspezifische Besonderheiten wie Komorbiditäten und persönliche Situation

Fazit:

Ob und bis zu welchem Ausmass Restharn toleriert werden kann oder einer Therapie bedarf bleibt also eine Frage, die von einem Spezialisten im klinischen Kontext individuell evaluiert und definiert werden muss. Eine starre Restharnmenge als alleiniger Indikator für Katheterisierung entspricht nicht dem neuesten medizinischem Standard.

Quelle:

Urologische Nachrichten, DGZ Kongressausgabe 2022, «Restharn tolerieren oder therapieren?», Prof. Dr. med. Ruth Kirschner-Hermanns