Weniger sexuelles Verlangen, nachlassende Kraft oder anhaltende Erschöpfung: Solche Beschwerden können auf einen Testosteronmangel hinweisen, haben aber auch andere Ursachen¹. Wer an Prostatakrebs erkrankt ist oder eine Behandlung hinter sich hat, steht vor einer besonderen Frage: Darf ich Testosteron erhalten, ohne meine Gesundheit zu gefährden?

Eine frühere Prostatakrebserkrankung schliesst eine Testosterontherapie nicht grundsätzlich aus.

Nach einer erfolgreichen Operation kann sie bei ausgewählten Männern mit nachgewiesenem, beschwerdeverursachendem Mangel erwogen werden; bei fortgeschrittenem Prostatakrebs oder einer laufenden Hormonentzugstherapie ist eine gewöhnliche Testosteronersatztherapie dagegen nicht angezeigt¹. Entscheidend sind die genaue Tumorsituation, der Verlauf des PSA-Wertes und eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung¹.

Testosteron und Prostatakrebs: Was wissen wir heute?

Testosteron beeinflusst unter anderem das sexuelle Verlangen, die Muskulatur und die Knochengesundheit¹. Gleichzeitig können männliche Geschlechtshormone das Wachstum von Prostatakrebs fördern, weshalb der Hormonentzug eine wichtige Rolle in der Krebsbehandlung spielt².Testosteronmangel nach Prostata OP

Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass eine ärztlich überwachte Testosteronersatztherapie bei jedem Mann Prostatakrebs verursacht: In der grossen randomisierten TRAVERSE-Studie wurde unter Testosteron kein statistisch gesicherter Anstieg der Prostatakrebshäufigkeit gegenüber einem Scheinmedikament festgestellt³. Männer mit bereits bekanntem Prostatakrebs waren allerdings ausgeschlossen; die Ergebnisse sind deshalb kein Sicherheitsnachweis für diese Patientengruppe³.

Die entscheidende Unterscheidung lautet somit: Das Risiko, neu an Prostatakrebs zu erkranken, ist nicht dieselbe Frage wie das Risiko eines Rückfalls oder Fortschreitens. Für Männer nach einer Krebsbehandlung sind die bisherigen Ergebnisse ermutigend, die langfristige Sicherheit ist aber weiterhin nicht ausreichend geklärt¹.

Wann liegt tatsächlich ein Testosteronmangel vor?

Ein einzelner tiefer Blutwert genügt nicht für die Diagnose: Zu einem behandlungsbedürftigen Testosteronmangel, medizinisch Hypogonadismus, gehören passende Beschwerden und wiederholt erniedrigte Hormonwerte¹. Besonders aussagekräftig sind vermindertes sexuelles Verlangen und weniger spontane oder morgendliche Erektionen; Müdigkeit allein ist unspezifisch¹.

Zur Abklärung gehören:

  • Zwei morgendliche Blutentnahmen: Der Testosteronwert wird an unterschiedlichen Tagen, möglichst nüchtern zwischen 7 und 10 Uhr, bestimmt¹.
  • Einordnung der Werte: Bei Grenzwerten oder veränderten Bindungsproteinen können zusätzliche Hormonmessungen und die Berechnung des freien Testosterons sinnvoll sein¹.
  • Suche nach Ursachen: Medikamente, Übergewicht, Begleiterkrankungen sowie Störungen der Hoden oder der hormonellen Steuerung werden berücksichtigt¹.
  • Prüfung der Krebsbehandlung: Nach Prostatakrebs sind insbesondere Tumorbefund, bisherige Therapien und der PSA-Verlauf wichtig¹.

Wird Testosteron im Rahmen einer Krebstherapie gezielt unterdrückt, ist der niedrige Wert zunächst ein beabsichtigter Behandlungseffekt². Er darf nicht wie ein gewöhnlicher Hormonmangel behandelt werden¹.

Testosterontherapie nach Prostatakrebs: Welche Situation liegt vor?

Nach vollständiger Entfernung der Prostata

Nach einer Operation wegen eines örtlich begrenzten Prostatakarzinoms kann eine Testosterontherapie infrage kommen, wenn ein symptomatischer Mangel besteht und kein Hinweis auf eine aktive Krebserkrankung vorliegt¹. Die europäische Leitlinie zum Hypogonadismus empfiehlt eine zurückhaltende Auswahl: niedriges Rückfallrisiko, mindestens ein Jahr Nachbeobachtung, ein PSA-Wert unter 0,01 ng/ml und kein Rückfallhinweis; diese Empfehlung ist wegen begrenzter Daten ausdrücklich schwach eingestuft¹.

Eine 2026 veröffentlichte randomisierte Studie mit 136 Männern liefert neue Erkenntnisse: Bei ausgewählten Patienten mit organbegrenztem, wenig aggressivem Tumor und seit mindestens zwei Jahren nicht nachweisbarem PSA verbesserten zwölf Wochen Testosteronbehandlung unter anderem sexuelles Verlangen, sexuelle Aktivität und bestimmte körperliche Leistungsparameter⁴. Ein anhand des PSA-Wertes erkennbarer Rückfall wurde in keiner der beiden Gruppen beobachtet; die Studie war jedoch zu klein und zu kurz, um langfristige Krebssicherheit nachzuweisen⁴.

Nach einer Bestrahlung

Nach einer Strahlentherapie ist die Situation anders, weil Prostatagewebe im Körper verbleibt und der PSA-Verlauf anders beurteilt wird als nach einer vollständigen Entfernung². Beobachtungsstudien zeigen bei sorgfältig ausgewählten Patienten bislang kein eindeutiges zusätzliches Rückfallsignal; eine verlässliche langfristige Sicherheitsbewertung ist daraus aber nicht möglich⁵.

Die Leitlinie zum Hypogonadismus bezeichnet die Sicherheitsdaten nach nichtoperativer Behandlung mit Heilungsabsicht ausdrücklich als unklar¹. Die Kriterien nach einer Operation dürfen daher nicht einfach auf Männer nach Bestrahlung übertragen werden.

Bei aktiver Überwachung: Active Surveillance

Bei Active Surveillance ist der Prostatakrebs weiterhin vorhanden und wird kontrolliert, statt sofort operiert oder bestrahlt zu werden⁶. Eine Testosterontherapie ist hier keine etablierte Standardbehandlung: Die Leitlinie zum Hypogonadismus betont die unklare Sicherheitslage, während das Prostatakrebs-Leitlinienkapitel zur Lebensqualität eine offenere Einzelfallbeurteilung zulässt, sofern ein Hormonentzug nicht die angezeigte Behandlung ist¹,⁷.

Eine im August 2026 veröffentlichte Auswertung von 3'324 Männern unter aktiver Überwachung, darunter 79 mit Testosterontherapie, fand keinen statistisch gesicherten Anstieg des Fortschreitens in Gewebeproben⁶. Das ist ermutigend, beweist aber aufgrund des nicht randomisierten Studiendesigns und der kleinen behandelten Gruppe keine allgemeine Sicherheit⁶.

Für Betroffene bedeutet dies: Eine mögliche Behandlung erfordert eine besonders sorgfältige fachärztliche Entscheidung und Aufklärung über die Unsicherheit¹. Die reguläre Krebsüberwachung einschliesslich gegebenenfalls erforderlicher MRT- und Gewebeuntersuchungen bleibt notwendig; ein stabiler PSA-Wert allein reicht zur Beurteilung nicht aus⁶.

Bei fortgeschrittenem Prostatakrebs oder laufendem Hormonentzug

Bei fortgeschrittenem oder metastasiertem Prostatakrebs ist eine gewöhnliche Testosteronersatztherapie nicht angezeigt¹. Auch während einer medizinisch notwendigen Hormonentzugstherapie darf der gezielt abgesenkte Hormonspiegel nicht eigenständig ausgeglichen werden¹,².

Belastende Beschwerden müssen dennoch nicht unbeachtet bleiben: Angepasstes Kraft- und Ausdauertraining, die Betreuung der Knochengesundheit sowie die Behandlung weiterer Nebenwirkungen gehören zur unterstützenden Versorgung²,⁷. Nach dem Ende eines zeitlich begrenzten Hormonentzugs kann sich die körpereigene Testosteronproduktion erholen; wie rasch und vollständig dies geschieht, hängt unter anderem von Alter, Ausgangswert und Behandlungsdauer ab².

Welche Kontrollen machen eine Therapie verantwortbar?

Eine Testosterontherapie soll einen bestätigten Mangel ausgleichen, nicht den Hormonspiegel möglichst hoch steigern¹. Vor Beginn werden neben dem Krebsrisiko auch Blutbild, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, weitere Risiken und ein möglicher Kinderwunsch berücksichtigt, da zugeführtes Testosteron die Spermienproduktion unterdrücken kann¹.

Während der Behandlung sind besonders wichtig:

  • PSA-Verlauf: Nach behandeltem Prostatakrebs empfiehlt die Leitlinie Kontrollen nach drei, sechs und zwölf Monaten, danach jährlich; die individuelle Krebsnachsorge kann engere Abstände erfordern¹,².
  • Testosteron und Blutbild: Die Werte werden ebenfalls nach drei, sechs und zwölf Monaten und anschliessend mindestens jährlich überprüft; ein zu hoher Anteil roter Blutkörperchen kann eine Anpassung oder Unterbrechung der Therapie erforderlich machen¹.
  • Tatsächlicher Nutzen: Entscheidend ist nicht nur der Laborwert, sondern auch, ob sich die Beschwerden bessern und Nebenwirkungen auftreten¹.

Ein auffälliger PSA-Anstieg muss ärztlich abgeklärt werden und darf nicht einfach als harmlose Begleiterscheinung gelten¹. Ob die Behandlung pausiert oder beendet werden muss, wird anhand der individuellen Befunde entschieden¹.

Häufige Fragen zu Testosteronmangel und Prostatakrebs

  • Hilft Testosteron gegen Erektionsstörungen nach einer Prostataoperation? Bei nachgewiesenem Mangel kann es insbesondere das sexuelle Verlangen verbessern, behebt aber nicht automatisch operationsbedingte Nervenschäden¹,⁸. In der randomisierten Studie von 2026 verbesserte sich die Erektionsfähigkeit nicht signifikant, obwohl die sexuelle Aktivität zunahm⁴.
  • Reicht ein normaler PSA-Wert, um Testosteron zu erhalten? Nein, zusätzlich müssen Beschwerden, wiederholt tiefe Testosteronwerte, Tumorbefund, bisherige Behandlung und weitere Risiken beurteilt werden¹. Nach vollständiger Prostataentfernung gelten zudem andere Anforderungen an den PSA-Wert als bei erhaltener Prostata¹,².
  • Kann ich selbst Testosteronpräparate ausprobieren? Davon ist insbesondere bei einer Prostatakrebsvorgeschichte abzuraten; Voraussetzung sind eine gesicherte Diagnose, die Prüfung von Gegenanzeigen und regelmässige Kontrollen¹. Lassen Sie zuerst klären, welche Ursache hinter Ihren Beschwerden steckt.

Ihre Beratung bei Testosteronmangel im KontinenzZentrum Hirslanden

Das KontinenzZentrum Hirslanden verbindet die Abklärung von Testosteronmangel und Fragen der Männergesundheit mit einer spezialisierten Sprechstunde für Erektionsstörungen bei Prof. Dr. med. André Reitz⁸. Ergänzend bietet das Zentrum eine individuelle Rehabilitation nach Prostatakrebsbehandlung für Männer mit Einschränkungen von Potenz und Kontinenz an⁹.

Sie möchten wissen, ob Ihre Beschwerden mit einem Testosteronmangel zusammenhängen und welche Behandlungsmöglichkeiten zu Ihrer Vorgeschichte passen? Vereinbaren Sie ein persönliches Beratungsgespräch und bringen Sie, soweit vorhanden, Ihre bisherigen Hormonwerte, PSA-Verläufe und Berichte zur Prostatakrebsbehandlung mit.

 

Beratung zu Testosteronmangel vereinbaren

Sie erreichen unser Zentrum (KontinenzZentrum Hirslanden) in Zürich telefonisch von Montag bis Freitag zwischen 8 und 17 Uhr +41 44 387 29 10.  Nutzen Sie auch unsere Online-Terminvereinbarung!

 

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine persönliche ärztliche Beratung. Bitte beginnen, verändern oder beenden Sie eine Hormon- oder Krebstherapie nicht ohne Rücksprache mit Ihrem Arzt.

Literatur

  1. European Association of Urology. EAU Guidelines on Sexual and Reproductive Health: Male hypogonadism [Internet]. 2026 [abgerufen am 21.09.2026]. Leitlinienkapitel.
  2. European Association of Urology. EAU Guidelines on Prostate Cancer: Follow-up [Internet]. 2026 [abgerufen am 21.09.2026]. Leitlinienkapitel.
  3. Bhasin S, Travison TG, Pencina KM, O'Leary M, Cunningham GR, Lincoff AM, et al. Prostate safety events during testosterone replacement therapy in men with hypogonadism: a randomized clinical trial. JAMA Netw Open. 2023;6(12):e2348692. doi:10.1001/jamanetworkopen.2023.48692. Volltext.
  4. Bhasin S, Burnett AL, Gagliano-Jucá T, Storer TW, Reid KF, Shang YV, et al. Testosterone treatment in prostate cancer survivors with hypogonadism: a randomized clinical trial. JAMA Intern Med. 2026;186(7):805-814. doi:10.1001/jamainternmed.2026.1343. PubMed.
  5. Santucci J, Stapleton P, Perera M, Ischia J, Murphy D, Bolton D, et al. Oncological safety of testosterone replacement therapy in men with localised prostate cancer: a systematic review of observational studies. BJU Int. 2025;136(5):788-799. doi:10.1111/bju.16870. PubMed.
  6. Flores JM, Kim D, Yu R, Vertosick EA, Benfante N, Ehdaie B, et al. Testosterone therapy in men on active surveillance for prostate cancer is not associated with increased risk of disease progression. J Urol. 2026 Aug 24 [Online-Vorabpublikation]. doi:10.1097/JU.0000000000005276. PubMed.
  7. European Association of Urology. EAU Guidelines on Prostate Cancer: Quality of life outcomes in prostate cancer [Internet]. 2026 [abgerufen am 21.09.2026]. Leitlinienkapitel.
  8. KontinenzZentrum Hirslanden. Erektionsstörungen: Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten [Internet]. [abgerufen am 21.09.2026]. Leistungsbeschreibung.
  9. KontinenzZentrum Hirslanden. Reha nach Prostatakrebs-Behandlung für Potenz und Kontinenz [Internet]. [abgerufen am 21.09.2026]. Leistungsbeschreibung.